Anmerkungen zu Emotionalität und Polarisierungen


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Abgeschickt von Michael am 19 Januar, 2008 um 13:05:58:

Antwort auf: Re: Bösendorfer an Octave von Martin am 18 Januar, 2008 um 22:45:45:

Hallo Martin,

noch einige Anmerkungen zum Themenkreis „Emotionalität“.

Im Grunde ist es doch überhaupt kein Wunder, dass in die Diskussionen Emotionen einfließen. Wir bewegen uns doch auf zutiefst emotionalen Terrain. Was ist denn Musik anders als Emotion pur? Man lese die Kritiken von Musikliteratur, die heute zum Grundstock unserer Musikszene gehören. Was ist seinerzeit nicht alles „durchgefallen“, weil sich irgendwer über „zu viel Töne“ falscher Art aufgeregt hat. Vielleicht ist dem einen oder anderen die Szene im Film Amadeus in Erinnerung, als Mozart’s Musik von höchsten Gnaden mit „zu viele Töne“ be- und wohl auch abgewertet wurde. Sei diese Szene historisch oder nicht - eine bessere, zutreffendere hätte man nicht erfinden können.

Das Einzige, was mich immer wieder stört ist die Absolutheit, mit der manche Zeitgenossen ihre wertenden Aussagen verbinden. Es würde doch ihr Hinweis genügen – und wäre für meinen Geschmack viel ehrlicher, dass dies oder jenes jemandem gefällt, oder eben nicht gefällt. Das ist völlig in Ordnung und könnte Hinweis genug sein, sich z.B. mit einem Schallwandler auseinanderzusetzen, ihn probezuhören, auch unter kritischem Blick anzuschauen, ob er optisch gefällt und technisch gut verarbeitet ist, sich über Markt-Mindestregeln zu informieren wie z.B. Seriosität des Herstellers, Garantiebedingungen usw.

Wir wissen doch, das Hören und sehen zutiefst individuelle Akte der Wahrnehmung jedes Menschen sind. Wir wissen, dass physiologisch bedingte Hörunterschiede zwischen Menschen bestehen, dass Hören sich im Laufe eines Leben wandelt. Wir wissen, dass es unterschiedlich musiktrainierte Ohren gibt und individuelle Vorlieben; man möge Kritiken über Musikaufführungen gleich welcher Art vergleichend lesen, und fragt sich dann nicht selten, „in welchem Film“ war ich eigentlich gestern.

Wir wissen zudem, dass die öffentlichen und natürlich noch viel mehr die privaten Hörräume unterschiedlich sind - und damit die Schallreflexionen; man setze sich in einem Konzertsaal oder in einem Operhaus nur beispielsweise auf verschiedene Plätze im Parkett, in den Zwischenrängen und ganz oben im Olymp. Es klingt immer wieder anders. Ein Grund, warum ich seit Jahren den Olymp bevorzuge, da oben fängt sich die Musik im Tonnengewölbe des Opernhauses. Das kann in den Zwischenrängen gar nichts „ankommen“.

Schon allein deswegen verzichte ich auf jegliche Lektüre von Tests oder gar Punktskalen, nehme sie einfach nicht ernst. Wenn ich dann noch vernehme, unter welchem Druck hier und da Fachjournalismus betrieben wird, betrieben werden muß (?), dann verzichte ich dankend erst recht. Mir scheint „unsere Szene“ als ein merkwürdig verwobenes Netz, in dem wir arme Würstchen von Musikverrückten nicht gerade wenig Schwierigkeiten haben, an verläßliche Informationen zu gelangen. Was bleibt? Probehören, was gefällt, ohne schielenden Blick auf den Nachbarn, dem fairerweise zugestanden anderes anders gefällt.

Vielleicht besteht gerade deswegen (?) die Gefahr von Schulenbildung, von eingeweihten Kreisen und Zirkeln, die sich unter sich zusammenfinden, voneinander abgrenzen, sich kritisch bis feindlich gegenüberstehen. Vielleicht kann man einem solchen Geschehen den Bierernst und auch die Schärfe nehmen, wenn man dieses Zirkeln als typisch menschlich betrachtet und einfach nicht recht ernst nimmt. Früher wurden Häretiker auf dem Scheiterhaufen verbrannt, weil sie nicht zur jeweils aktuellen Denkschule paßten.

Anders ist es mit der technischen Verarbeitung. Da mag es objektive Maßstäbe geben. Da sind Informationen angebracht, etwa ob Geräte unsauber nach den Regeln der Handwerkskunst verarbeitet sind, oder ob billigste Bauteile verwendet werden, die erfahrungsgemäß nur kurzlebig sind. Das halte ich in der Tat für wichtig und interessant. Nur wo erfährt man das? Mein Händler zeigt mir schon mal im Inneren von (auch gar nicht so billigen) CD-Playern erstaunliche Schwachstellen durch Billigteile.

Grüße
Michael



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